Sexualität in der Beziehung: Wenn einer will und der andere nicht
- Oliver Lilienthal

- 20. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Wenn Lust unterschiedlich verteilt ist, geht es oft sehr schnell nicht mehr nur um Sex. Es geht um Nähe, Ablehnung, Druck, Berührung – und um das Gefühl, vom anderen noch gewollt zu sein. Sexualität in der Beziehung wird besonders dann schwierig, wenn Lust unterschiedlich verteilt ist.
Es ist kurz vor elf.
Beide liegen im Bett. Er rückt näher und legt seine Hand auf ihren Bauch.
**Sie:** „Bitte nicht.“
Er zieht die Hand zurück.
**Er:** „Schon gut.“
Kurze Stille.
**Sie:** „Jetzt sei doch nicht beleidigt.“
**Er:** „Bin ich nicht.“
**Sie:** „Natürlich bist du beleidigt.“
**Er:** „Was soll ich denn machen? Mich freuen?“
Jetzt dreht sie sich weg.
Aus einer Berührung wird innerhalb von dreißig Sekunden ein Beziehungskonflikt.
Er fühlt sich abgelehnt.
Sie fühlt sich unter Druck gesetzt.
Und beide glauben, der andere hätte angefangen.
Worum es dabei wirklich geht
Auf den ersten Blick scheint die Sache einfach: Einer möchte Sex, der andere nicht.
Doch in vielen Beziehungen beginnt genau hier eine Dynamik, die weit über Sexualität hinausgeht.
Für ihn kann ihr Nein bedeuten:
**„Du willst mich nicht mehr.“**
Für sie kann seine Enttäuschung bedeuten:
**„Wenn ich keinen Sex möchte, darf ich dir auch nicht nah sein.“**
Und schon verändert sich Berührung.
Eine Hand auf dem Rücken ist nicht mehr einfach nur eine Hand auf dem Rücken. Eine Umarmung ist nicht mehr selbstverständlich.
Ein Kuss kann plötzlich die Frage auslösen:
**„Was erwartet er jetzt von mir?“**
Oder auf der anderen Seite:
**„Darf ich sie überhaupt noch anfassen?“**
Damit beginnt etwas, das ich in der Paarberatung immer wieder erlebe: Beide sehnen sich nach Nähe – und gleichzeitig wird genau diese Nähe immer schwieriger.
Wenn Berührung plötzlich eine Erwartung bekommt
Am nächsten Abend sitzen beide auf dem Sofa.
Er legt den Arm um sie.
Sie wird sofort ein wenig steif.
**Er:** „Was ist denn?“
**Sie:** „Nichts.“
**Er:** „Doch. Du weichst schon wieder zurück.“
**Sie:** „Weil ich genau weiß, was jetzt gleich kommt.“
**Er:** „Was soll denn kommen? Ich wollte dich einfach nur in den Arm nehmen.“
**Sie:** „Das sagst du immer.“
Er nimmt den Arm weg.
**Er:** „Na gut. Dann eben nicht.“
Und wieder ist die Berührung vorbei, bevor sie überhaupt stattfinden konnte.
Genau hier wird Sexualität für viele Paare kompliziert.
Nicht unbedingt, weil keine Liebe mehr da ist. Sondern weil Berührung ihre Unschuld verliert.
Wenn eine Umarmung immer wieder in Richtung Sex weitergeht, kann bei dem Partner mit weniger Lust irgendwann ein innerer Alarm entstehen:
**„Wenn ich Nähe zulasse, muss ich am Ende vielleicht wieder Nein sagen.“**
Also wird schon die erste Berührung vorsichtiger.
Gleichzeitig erlebt der andere etwas völlig anderes:
**„Ich darf dich kaum noch anfassen.“**
Er fühlt sich zurückgewiesen. Sie fühlt sich bedrängt.
Und beide beginnen, sich zu schützen.
Dabei wollen beide häufig dasselbe: Nähe. Nur nicht auf dieselbe Weise und nicht im selben Moment.
Eine Umarmung darf eine Umarmung bleiben.
Ein Kuss darf einfach ein Kuss sein.
Eine Hand auf dem Rücken muss nicht automatisch der Anfang von Sex sein.
Denn dort, wo Berührung wieder frei wird, kann auch Lust wieder entstehen.
Wie Berührung wieder sicher werden kann
Die Lösung ist nicht, dass einer künftig weniger will oder der andere häufiger Sex „zulässt“.
Beide müssen zuerst wieder lernen, **Berührung von Erwartung zu trennen**.
1. Berührung darf ausdrücklich ohne Sex stattfinden.
Sie könnten miteinander vereinbaren:
**„Wenn wir uns auf dem Sofa umarmen, bedeutet das erst einmal nur Nähe. Daraus muss nichts entstehen.“**
Für den einen klingt das vielleicht wenig romantisch. Für den anderen kann genau diese Klarheit aber etwas Entscheidendes verändern.
Der Körper muss nicht mehr bei jeder Berührung prüfen, ob gleich eine Erwartung folgt.
Sie kann sich wieder anlehnen, ohne innerlich schon das spätere Nein vorzubereiten.
Und er kann sie berühren, ohne herausfinden zu müssen, ob er gerade schon zu viel will.
2. Wer mehr möchte, sagt es.
Statt eine Berührung immer weiterzuführen und darauf zu hoffen, dass der andere mitgeht, kann eine einfache Frage viel Druck herausnehmen.
**Er:** „Ich hätte gerade Lust auf mehr. Wie ist es bei dir?“
**Sie:** „Ich möchte gerade nur bei dir liegen.“
**Er:** „Okay.“
Das Entscheidende ist das **Okay**.
Kein beleidigter Rückzug. Kein Seufzen. Kein Wegdrehen.
Denn wenn auf ein Nein regelmäßig Kälte oder Distanz folgt, kann sich sehr schnell etwas einprägen:
**„Nähe ist gefährlich, weil ich anschließend jemanden enttäuschen muss.“**
3. Ein Nein zu Sex ist kein Nein zur Person.
**„Ich möchte heute keinen Sex“** bedeutet nicht automatisch:
**„Ich finde dich nicht attraktiv.“**
Und auch nicht:
**„Ich liebe dich nicht.“**
Der Partner mit mehr Lust darf trotzdem sagen:
**„Schade. Ich hätte dich gerade sehr gern gehabt.“**
Das ist ehrlich.
Aber zwischen Enttäuschung und Bestrafung liegt ein großer Unterschied.
4. Ein Nein muss Nähe nicht beenden.
Derjenige mit weniger Lust kann trotzdem sagen:
**Sie:** „Sex möchte ich heute nicht. Aber komm her. Ich möchte bei dir liegen.“
Damit bleibt etwas bestehen, was in vielen Beziehungen irgendwann verloren geht:
**Körperkontakt, der nichts leisten muss.**
Und genau daraus kann manchmal später wieder Lust entstehen.
Nicht weil sie hergestellt wurde.
Sondern weil kein Druck mehr darauf liegt.
Wenn ein Nein sich wie Ablehnung anfühlt.
Derjenige, der häufiger Lust hat, hört ein Nein oft nicht nur als Antwort auf Sex.
Er hört vielleicht:
**„Ich will dich nicht.“**
**„Du bist für mich nicht mehr attraktiv.“**
**„Ich brauche deine Nähe nicht.“**
Und genau hier beginnt die Kränkung.
**Er:** „Ist schon gut.“
Er dreht sich weg.
**Sie:** „Jetzt bist du doch wieder beleidigt.“
**Er:** „Nein.“
**Sie:** „Doch.“
**Er:** „Was soll ich denn machen? So tun, als wäre es mir egal?“
Das ist der entscheidende Punkt.
Es **darf** ihn enttäuschen.
Er muss nicht so tun, als wäre ihm Sexualität unwichtig.
Aber er muss lernen, seine Enttäuschung auszusprechen, ohne daraus Druck zu machen.
Statt:
**„Du willst ja sowieso nie.“**
könnte er sagen:
**„Schade. Ich hätte gerade wirklich Lust auf dich gehabt.“**
Der erste Satz macht den anderen zum Problem.
Der zweite zeigt das eigene Bedürfnis.
Natürlich kann ein Nein wehtun. Besonders dann, wenn es über Wochen oder Monate immer wieder kommt.
Problematisch wird es dann, wenn auf das Nein regelmäßig Kälte folgt: Wegdrehen, Schweigen, Sarkasmus oder Rückzug.
Denn dann kann beim anderen ankommen:
**„Wenn ich Nein sage, verliere ich Nähe.“**
Und genau das macht Lust meistens nicht größer.
Sondern kleiner.
So kann es anders laufen.
Er rückt näher und legt seine Hand auf ihren Bauch.
**Sie:** „Ich mag deine Nähe gerade. Aber Sex möchte ich heute nicht.“
Er hält kurz inne.
**Er:** „Okay. Schade – ich hätte gerade wirklich Lust auf dich gehabt.“
**Sie:** „Ich weiß. Und ich will dich damit nicht zurückweisen.“
**Er:** „Dann lass uns einfach so liegen bleiben.“
Sie lehnt sich an ihn.
Nach einer Weile sagt er:
**Er:** „Wenn ich dich anfasse, sollst du nicht denken, dass daraus immer Sex werden muss.“
**Sie:** „Genau das würde mir helfen. Dann kann ich Berührung wieder mehr genießen.“
**Er:** „Und wenn ich mehr möchte, frage ich dich einfach.“
**Sie:** „Ja. Dann muss ich nicht schon bei der ersten Berührung überlegen, wie ich dich später wieder bremsen soll.“
Er lächelt.
**Er:** „Also: Umarmung ist Umarmung. Kuss ist Kuss. Und wenn einer mehr möchte, sagt er es.“
**Sie:** „Und ein Nein bedeutet nicht: Ich will dich nicht. Sondern nur: Heute möchte ich keinen Sex.“
**Er:** „Damit kann ich besser umgehen.“
Sie bleibt einen Moment still.
Dann sagt sie:
**Sie:** „Was mir helfen würde: dass du manchmal einfach da bist. Ohne dass daraus etwas werden muss.“
**Er:** „Also Nähe, ohne dass ich weitergehe.“
**Sie:** „Ja. Einfach Raum. Mich anlehnen dürfen, deine Hand spüren, bei dir sein – ohne schon zu merken, dass du auf den nächsten Schritt wartest.“
**Er:** „Und wenn daraus nichts entsteht, ist es auch okay.“
**Sie:** „Genau. Und manchmal passiert dann gerade deshalb etwas. Wenn ich keinen Druck spüre, kann ich mich entspannen. Und manchmal kommt die Lust dann von ganz allein.“
**Er:** „Dann muss ich nicht versuchen, etwas herzustellen.“
**Sie:** „Nein. Du musst nur da sein.“
Gerade für viele Frauen kann dieser Raum entscheidend sein:
**Berührung ohne Ziel. Nähe ohne Erwartung. Zeit, in der nichts passieren muss.**
Der Mann muss in diesem Moment nicht antreiben, überzeugen oder auf ein Ergebnis warten. Er darf sich zurücknehmen, den Raum halten und einfach präsent bleiben.
Und genau daraus kann etwas entstehen, das sich nicht erzwingen lässt:
**Lust.**
Vielleicht entsteht Sexualität.
Vielleicht auch nicht.
Beides darf sein.
„Wo Berührung wieder frei wird, kann Nähe zurückkommen. Und manchmal auch die Lust.“
Ich wünsche euch von Herzen Erfüllung, Leidenschaft und Leichtigkeit im Umgang miteinander.
Oliver Lilienthal Paarberatung





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